Kein kompletter Schuldenerlass für Lilien
Der SV Darmstadt 98 bekommt nun doch nicht alle Schulden von der Stadt erlassen. „Eine komplette Befreiung von der Rückzahlung wird es nicht geben“, erklärte gestern Kämmerer André Schellenberg (CDU). Der Magistrat will deshalb den Beschluss der Stadtverordneten-versammlung vom Juni aufheben und durch einen neuen ersetzen lassen. Vor vier Monaten hatte das Parlament ein Hilfspaket für den SV 98 mit einem Volumen von 780 000 Euro verabschiedet – inklusive eines Schuldenerlasses über 538 000 Euro. Wie viel der Verein zurückzahlen muss, steht noch nicht fest.
Das Hilfspaket, zu dem die Finanzierung eines Kunstrasenplatzes und der Umbau der Flutlichtanlage gehören, war damit begründet worden, den Drittligisten nach dem Aufstieg „nachhaltig wirtschaftlich zu stabilisieren und für den Spielbetrieb in einer höheren Liga vorzubereiten“. Zuerst hatte noch der alte Magistrat der Finanzhilfe zugestimmt, dem folgte das Parlament.
Es gab Kritik in der Bevölkerung. Und der Regierungspräsident äußerte „grundlegende Bedenken“, ob es Aufgabe einer Stadt ist, den Profifußball zu fördern. Zunächst hatte der Magistrat versucht, diese zu zerstreuen. Es seien Investitionen in stadteigenes Gelände. Sportdezernent Rafael Reißer (CDU) hatte zudem auf die Bedeutung des SV 98 für die Wirtschaftsförderung hingewiesen.
Inzwischen scheint sich die Stadtregierung nicht mehr so sicher zu sein. „Wir müssen davon ausgehen, dass der Schuldenerlass beim Regierungspräsidenten nicht durchgehen wird“, begründete der Kämmerer den jetzt geplanten Schritt. Zumal der Schuldenerlass für die Zulassung zur Dritten Liga nicht notwendig gewesen sei. Das hatte SV Darmstadt 98-Präsident Hans Kessler gegenüber dem ECHO erklärt.
Schellenberg geht davon aus, dass die Finanzierung der fernsehtauglichen Flutlichtanlage und der Sanierung eines Kunstrasenplatzes vom Regierungspräsidenten nicht beanstandet wird. Bis Ende November will der RP über das Hilfspaket entscheiden, erklärte dessen Pressesprecher Gerhard Müller. Ursprünglich sollte die Stadt bis Mitte Oktober begründen, warum sie sich die Finanzspritze leisten kann. Doch hatte der Magistrat um Fristverlängerung gebeten, weil es noch Gesprächsbedarf mit dem Verein gebe.
In den Verhandlungen zwischen Stadt und Verein geht es auch um die Finanzlage des Drittligisten. „Wir haben Daten über die Vermögenslage angefordert“, erklärte Schellenberg. Dazu gehörten auch mögliche Mehreinnahmen des Vereins nach dem Aufstieg. Ohnehin lässt der Magistrat derzeit einen Vertrag dahingehend prüfen, ob die Stadt in der höheren Liga an den Eintrittseinnahmen zu beteiligen ist.
Nach der wirtschaftlichen Situation richte sich, in welchem Umfang die Lilien die Schulden zurückzahlen können. Die waren 2003 vor allem durch den Bau von Kunstrasenplätzen entstanden: Die Stadt musste als Bürge einen Kredit übernehmen, den der SV 98 aufgenommen hatte, aber nicht mehr bedienen konnte.
Vereinspräsident Kessler reagierte gestern überrascht von der Mitteilung, die Stadt wolle jetzt den Schuldenerlass kappen. Er bestätigte die Gespräche mit der Stadt. „Es gibt aber noch keine Ergebnisse“, erklärte er. Ziel sei es vielmehr, bis Ende November die Sachlage gegenüber dem Regierungspräsidenten darzustellen. Kommentieren wollte er die Nachricht von der Änderung des Schuldenerlasses nicht.
Kessler hat bislang immer betont, dass er die Argumentation des Regierungspräsidenten nicht nachvollziehen könne. Die Dritte Liga sei keine Profi-Liga. Zudem dienten die über den Kredit gebauten Kunstrasenplätze der Jugendabteilung und der Zweiten Mannschaft und damit dem Breitensport.
Sofortige wirtschaftliche Auswirkungen hätte die Neuorientierung des Magistrats allerdings nicht. Die Kreditraten sind laut Vertrag bis zum Jahr 2013 ausgesetzt.